Über die Begegnung mit einer sehr zarten und schützenswerten Seele Namens Zeus.
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Ich begegnete dem Igel „Zeus“ am 03.03.2025 gegen 18:15 auf einer befahrenen Straße in einem Wohngebiet nahe der Ortschaft Herrieden. Der abendliche Spaziergang mit meinen zwei Hunden neigte sich dem Ende entgegen, als ich ein kleines Wesen wahrnahm, welches sich verzweifelt versuchte, am Randstein nach oben zu ziehen.
Vorsichtig näherte ich mich der Szenerie. Ich erkannte einen völlig entkräfteten Igel, welcher bei dem Versuch, den hohen Randstein des Gehwegs zu überwinden, immer stetig nach unten rutschte. Seine Bewegungen wurden immer langsamer und er schaffte es nach ein paar Minuten kaum noch, sich erneut nach oben zu ziehen. Ich fasste mir ein Herz und sammelte den Igel ein.
Den Igel in der linken Hand und die Leinen meiner zwei sehr aktiven Hunde in der anderen Hand haltend, versuchte ich es möglichst ohne große Stürze nach Hause zu schaffen. Das Wohnhaus meiner Familie befand sich Gott sei Dank nur ein paar Straßen weiter.
In meinem Kopf rasten die Gedanken, ich hatte keinerlei Ahnung von Igeln, abgesehen von der Tatsache, dass sie sehr stachelig und, in meinen Augen, durchaus liebenswert sind.
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Nach ein paar Minuten Recherche im Internet rief ich bei der nächstgelegenen Tierarztpraxis an, welche zum Glück bis 18:30 offen hatte. Ich erreichte eine sehr nette und zuvorkommende Sprechstundenhilfe. Von der Dame am Telefon wurde mir erfreulicherweise mitgeteilt, dass es ganz in der Nähe eine sehr kompetente „Igel-Flüsterin“ gäbe, welche sich solchen akuten Notfällen annehmen könne. Sofort machte ich mich auf den Weg zu Frau "L". Dort angekommen empfing mich Frau "L" mit ihrem außergewöhnlichen Fachwissen sowie der perfekten Expertise für diese besonderen Wildtiere.
Der Igel, welchen wir kurzerhand auf den Namen „Zeus“ tauften, wog beim Fund ca. 232g. Er war deutlich zu klein und er konnte aufgrund seines entkräfteten Allgemeinzustands seinen normalen Lebensrhythmus nicht fortsetzen. Zu diesem Zeitpunkt war sein Winterschlaf bereits abgeschlossen, er war jedoch vollkommen ausgezehrt und fertig mit der Welt. Somit musste er gepflegt, entwurmt und gesundheitlich aufgepäppelt werden. Gott sei Dank wies er keine größeren Verletzungen oder Stachelverluste auf.
Zeus blieb somit in der vulnerablen Anfangsphase in den liebevollen und fachmännischen Händen von Frau "L", welche mich immer wieder sehr zuverlässig mit Updates über den gesundheitlichen Zustand des kleinen Mannes versorgte.
Langsam und stetig wuchs in mir der Wunsch heran, auch einen aktiven Teil zu Zeus’ Genesung beitragen zu dürfen. Nach intensiver Rücksprache mit Frau "L" nahm ich Zeus am 11.04.2025 zu mir ins schöne Westallgäu in Pflege. Zeus zog in mein Arbeitszimmer ein, meine Frau und ich organisierten ein Gehege für ihn, damit er etwas mehr Bewegungsfreiheit hatte.
Frau "L" stand uns in dieser Zeit mit Rat und Tat zur Seite, mit ihr wurde die Pflege von Zeus zu einem wirklichen Kinderspiel. Futtertipps, gesundheitliche Themen sowie auch das komplexe Sozialverhalten des kleinen Rackers - bei allen Themen habe ich mich immer sehr vertrauensvoll an sie wenden dürfen. In der ganzen Zeit habe ich mich als spontane „Pflegestelle“ immer ausgesprochen gut betreut und nie hilflos gefühlt. Einmal am Tag durften wir das Zeitungspapier wechseln, Zeus wurde mit Trockenfutter versorgt und abends erhielt er ein Abendbrot, welches aus Katzenfutter und etwas Weizenkleie bestand. Die Arbeit hielt sich für mich in Grenzen.
Zeus legte sehr gut an Gewicht zu, mit sichtlicher Freude baute er nachts regelmäßig sein Gehege um, er schien ein großer Verfechter des Konzepts „schönes Wohnen“ zu sein.
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Langsam nahte mit großen Schritten der Sommer, die Nächte wurden komplett frostfrei und auf den Allgäuer Wiesen blühte der Löwenzahn. Das nächtliche Aktivitätslevel von Zeus zeigte jetzt deutlich seinen Wunsch nach Freiheit und die Geräusche, welche wir nachts wahrnehmen durften, wiesen auf seinen sehnlichen Wunsch nach Partnerschaft hin.
Uns wurde bewusst, dass langsam die Zeit des Abschieds gekommen war. Wir setzten Zeus mit seinem Gehege zur Gewöhnung an sein neues Umfeld nach draußen, auf einen benachbarten Bauernhof. Dort hatte er Hecken, einen großen Komposthaufen und weit und breit keine gefährlichen Rasenmähroboter.
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Wir entließen unseren „kleinen Mann“ mit einem lachenden und weinenden Auge am 17.06.2025 mit stolzen 1033g in die Freiheit. Für Zeus, unseren Igel, ist die Freiheit der einzig wahre Lebensraum. Für mich und für meine Frau war dieser Schritt emotional durchaus herausfordernd. Wir haben unser Herz schon sehr in der Zeit der Pflege an unseren kleinen stacheligen Mitbewohner verloren. Wir konnten ihm zum Abschied somit nur Gottes Segen und Schutz wünschen und eine gute Reise.
Für mich war vor allem der hilfreiche Kontakt mit Frau "L" ein großer Gewinn, das was sie und ihr Mann für die kleinen, liebenswerten, stacheligen Wesen leisten, ist wirklich einmalig. Ohne sie wäre die Pflege und das Aussetzen von Zeus für uns niemals möglich gewesen. DANKE auch im Namen von meiner Frau und natürlich auch ein bisschen von Zeus.
